Ein kleiner Ausschnitt aus meinem Roman „One more time“

Am nächsten Morgen traf ich mich pünktlich um acht Uhr mit meiner besten Freundin Natascha. Wie immer trug sie auffallende, grelle Kleidung. Wenn ich sie mit einer Figur aus dem Fernsehen vergleichen müsste, fiele mir spontan Penelope Garcia von der TV-Serie Criminal Minds ein. Natascha war in einen quietschgelben Mantel gehüllt, trug rot-grün geringelte Strümpfe und dazu viel zu grosse Stiefel. Nach reifer Überlegung stellte ich fest, dass sie sich wohl ein Vorbild an Pippi Langstrumpf genommen hatte. Sie begrüsste mich mit einer herzlichen Umarmung. Mir fiel sofort ihr breites Grinsen auf, da sich von einem Mundwinkel bis zum nächsten erstreckte. „Was soll die gute Laune?“ fragte ich sie skeptisch, während ich ihren geblümten Hut musterte, der aussah, als wäre ein Kanarienvogel auf ihrem Kopf geplatzt.

Natascha zog mich beiseite und flüsterte mir kaum verständlich ins Ohr: „Ich habe jemanden kennengelernt.“ Ihre Wangen nahmen sogleich einen rosafarbenen Ton an und meine Mundwinkel verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. Normalerweise würden sich beste Freundinnen in diesem Moment in den Armen liegen, laut schreien und im Kreis tanzen, aber diese ganze Gefühlsduselei war einfach nicht mein Ding. Ich nickte anerkennend, ohne weitere Details erfahren zu wollen. Meine Freundin wirkte ein wenig enttäuscht, doch Liebesgeschichten, Affären und unbedeutende Romanzen waren nicht Teil meines Interessensfeldes. Sie zog mich am Ärmel ins nächste Klassenzimmer und bat mich neben ihr in die vorderste Reihe zu sitzen.

Irgendwie schaffte ich es doch noch mich zu überwinden und etwas mehr über ihr neues Liebesglück zu erfahren. „Wie heisst denn der Glückliche?“ wollte ich wissen, wobei mein Blick auf ihre hellblauen Fingernägel fiel. Den Mittelfinger hatte sie in einem leuchtenden Orange bemalt und auf jedem Nagel klebte eine kleines Blümchen.

Natascha packte ihr Handy aus ihrem Rucksack und scrollte durch die Bildergalerie. Sie hielt mir ein Foto von einem jungen Mann vors Gesicht, der eine typische Nerd-Brille trug und dessen Hemdkragen eine Fliege zierte. „Er heisst Frankie, ist vier Jahre älter als ich, steht auf lange und ausgiebige Diskussionen über die menschliche Existenz und ist ein begnadeter Pianist,“ Natascha schwärmte in einem Fort. Mir persönlich tat Frankie jetzt schon Leid. Sobald meine Freundin mutig genug war, würde sie ihm ihre verrückte Seite zeigen, tägliche Teezeremonien, das Basteln von Collagen und Disney-Prinzessinnen inklusive.

„Er ist wirklich sehr nett. Du weisst ja, es ist jetzt schon drei Jahre her seit meiner letzten Beziehung und mit Frankie ist alles ganz anders. Dieses Gefühl, wenn du verliebt bist. Dieses wohlige Ziehen im Bauch, diese aufsteigende Wärme in deinem Körper, das permanente Grinsen auf deinem Gesicht, wenn jeder Gedanke sich um ein und dieselbe Person dreht. Die Vorfreude ihn wieder zu sehen, ihn in die Arme zu nehmen, ganz fest an dich drücken und zu wissen, dass diese kräftigen Arme einen schützenden Wall um dich bilden, dich abschotten von allem Übel auf dieser Welt. Das Gefühl zu wissen, egal, wie schlimm dein Tag war, egal, wie viele Niederlagen du erleiden musstet, es gibt jemanden, dem ist das völlig Schnuppe, denn mit ihm erlebst du die höchsten Glücksgefühle, ein Liebesnirvana, die Sonnenseite des Lebens,“ Natascha drückte ihr Mobiltelefon an die Brust und stiess einen herzzerreissenden Seufzer aus.

Plötzlich wurde mir etwas bewusst. Plötzlich sehnte ich mich nach all diesen Gefühlen, die Natascha so präzise beschrieben hatte. Meine Beziehung mit Jason lief grandios. Kleine Streitereien gehörten zu einem Pärchen, doch wir versöhnten uns bald und die Welt war wieder heil. Doch der Wunsch diesen Prozess von Schwärmerei zu Liebe noch einmal durchleben zu dürfen, stieg auf einmal in mir hoch und ich versuchte angestrengt, mich zu erinnern, wie sich diese aufblühende Begeisterung eines Backfisches angefühlt hatte. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass nicht viel von dieser gehobenen Stimmung übrig war. Natürlich freute ich mich über einen Besuch von Jason und ich konnte mich immer noch für seine spontanen Einfälle und Ideen begeistern, aber ich war nicht mehr nervös vor einem Treffen, mein Herz rutschte mir auch nicht mehr in die Hose. Diese Beziehung hatte sich zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt. Das, was Natascha erzählte, klang für mich wie ein ferner Traum, eine Welt, zu der mir nach fünfjähriger Romanze kein Zutritt mehr gewährt wurde. Ich sah meine Freundin an, ein Funken Neid kochte in mir hoch, doch gleichzeitig schenkte ich ihr mein breitestes Lächeln. Was soll man in so einem Moment sagen? Sie beglückwünschen, ihr die Hand zum Erfolg schütteln? „Herzlichen Glückwünsch, ich freue mich ja so für dich,“ es war nur die halbe Wahrheit. Innerlich erhoffte ich mir ein Déjà-Vu der Frühlingsgefühle, innerlich dürstete ich nach einem aufregenden Abenteuer.

To be continued…

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