One more time – Die Geburtstagsfeier

Hier ein weiterer Ausschnitt aus meinem ersten Roman:
Prof. Smith räusperte sich. „Bevor Sie Hals über Kopf aus dem Klassenzimmer stürmen, möchte ich noch einen Vorschlag unterbreiten. Es fällt mir nicht leicht, aber ich feiere nächsten Mittwoch einen runden Geburtstag und möchte Sie einladen, hier an der Universität, bei Kaffee und Kuchen gemeinsam etwas Zeit zu verbringen. Ich werde eine Käseplatte bestellen, Getränke und einen Obstkorb organisieren. Es wäre schön, wenn einige von Ihnen, etwas dazu beitragen könnten, vielleicht einen selbstgebackenen Kuchen, Muffins oder Crèmetörtchen, was Ihnen so spontan alles einfällt. Na, klingt das nach einer Idee?“ er blickte erwartungsvoll in die Runde. Wir stimmten sogleich in tosenden Applaus ein. Eine Geburtstagsparty bedeutete weniger Prüfungsstoff und eine Möglichkeit, mit meinem Professor locker und lässig ins Gespräch zu kommen. Ich notierte mir das Datum und war fest entschlossen, meine Backkünste unter Beweis zu stellen. Egal, ob der Kuchen letzten endlich scheusslich und völlig deformiert aussehen würde, ich würde mir alle Mühe geben und Smith meine Kreation persönlich überreichen. Meine Mitschülerinnen kicherten und machten sich Notizen in ihren Agenden. Wahrscheinlich umrandeten sie seinen Namen mit einem roten Herzchen, so richtig kitschig. Ich dagegen hatte nur Augen für unseren Dozenten. Seine schüchterne, fast schon zurückhaltende Art gefiel mir an ihm. Er wollte es allen recht machen und bemühte sich, etwas Schwung in die Vorlesung zu bringen. Unsere Blicke trafen sich, er lächelte mir heimlich zu. Mein Herzschlag setzt für einen Moment aus. ‚Glaub mir, Smith, deine kühnsten Träume werden in Erfüllung gehen,‘ dachte ich bei mir.

 

Wie ein Wirbelwind rauschte ich zur Tür herein. „Grandma! Grandma!“ Ich rief nach meiner Grossmutter, doch sie stand weder in der Küche, noch sass sie gemütlich vor dem Fernseher und schaute sich ihre Lieblingssendung auf dem Romantik-Kanal an. Ich steckte den Kopf zwischen den Türspalt, der zum Keller hinabführte. „Grandma!“ „Was ist denn, Melody?“ ihre Stimme echote zu mir hinauf. „Ich brauche deine Hilfe, Grandma,“ sehr wahrscheinlich bemerkte sie den aufgeregten Tonfall in meiner Stimme, denn schnellen Schrittes und zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte sie die Treppen hoch. „Ist etwas passiert, bist du krank?“ Sie hielt mir die Hand an die Stirn, um mein Fieber zu messen, begutachtete mein Gesicht, ob sich ein Ausschlag ausbreitete und bat mich ihr die Zunge zu zeigen. „Alles in Ordnung. Nur,“ ich zögerte einen Moment. „Spuck schon aus! Was bedrückt dich,“ sie hob mein Kinn an. „Weisst du, wie man einen legendären Kuchen backt, der alle Sinne betört?“ wollte ich wissen. Sie musterte mich. „Lass mich raten, es hat etwas mit deinem neuen Lehrer an der Uni zu tun, richtig?“ mutmasste sie und stemmte die Hände in die Hüften. „Woher weisst du das?“ – „Ich habe noch nie gesehen, dass du für irgendjemanden etwas backst. Du lässt die Finger von jeglichen Küchenutensilien und weisst glaube ich noch nicht einmal, wie man ein Ei faltet. Also, habe ich Recht?“ Sie hob eine Augenbraue und beäugte mich misstrauisch. „Ja,“ gab ich kleinlaut bei und lief den Korridor entlang in die Küche, wo ich meinen Rucksack auf den Stuhl legte. „Ha!“ Grandma Mary klatschte triumphierend in die Hände. „Prosseor Smith hat Geburtstag und er möchte, dass wir etwas für das Buffet zaubern. Eine Kleinigkeit, nichts besonderes. Kannst du mir dabei helfen?“ bat ich sie. Meine Grossmutter nickte. „Ich kenne da ein vorzügliches Rezept. Es wird ihm bestimmt gut schmecken. Die Zutaten sollten wir alle noch im Haus haben. Wir brauchen Mehl, Zucker, Eier, Milch, Backpulver und etwas Zimtpulver. Los gehts,“ sie wirbelte herum und fing an, Backform, Messbecher und Löffel auf dem Tisch zu platzieren. Ich ging ihr sogleich zur Hand und befolgte Schritt für Schritt ihre Anleitung für ihren berühmten Lebkuchen. Wir hatten viel Spass in der Küche und die Zeit verging wie im Flug. Das Backen weckte Erinnerungen an vergangene Tage. Wie oft habe ich in Grandmas Küche gesessen, während sie Popcorn oder Polenta zubereitete? Es gibt sogar noch ein Foto von mir, wie ich genüsslich das Getreidegericht aus einem riesigen Topf löffle. Ich musste unwillkürlich lächeln.
Am Ende unseres Wirkens konnte man meinen, eine Bombe hätte in unserer Küche eingeschlagen. Überall hingen Teigfetzen und Mehlspuren zogen sich über den ganzen Boden. Der Kuchen roch vorzüglich, Brendan würde Augen machen. Sie zog ihn vorsichtig aus dem Ofen. Er war nicht besonders gross geraten, dafür mit viel Liebe gebacken. Wir hatten es geschafft, ich klatschte meine Grossmutter ab. „Danke, was würde ich nur ohne dich tun?“ ich roch an unserem Meisterwerk, mir lief das Wasser im Mund zusammen. „Du würdest wohl in den nächst besten Laden gehen und dir eine klebrige Paste kaufen, die du deinem Schwarm servierst“, sie liebte es, mich zu necken und ich spielte mit. Wenn sie nur wüsste, wie sehr ich für Brendan schwärmte.

 

Heute war Smiths Geburtstag. Ich hatte mich extra herausgeputzt und trug ein schwarzes Kleid mit einer rosa-farbenen Jacke. Meine Haare hatte ich durch den Lockenwickler gezogen, sogar etwas Make-Up hatte ich aufgetragen, Wimperntusche, Eyeliner und einen Lippenstift in zart-rosé. Ich betrachtete mich vor dem Spiegel. Würde Brendan mich hübsch finden? Könnte ich ihn um den kleinen Finger wickeln? Ich machte mir nicht allzu grosse Hoffnungen. Schliesslich war er verheiratet und wohl kaum an einer Affäre interessiert und doch liessen mich seine Blicke stutzig werden. Damit ich nicht zu spät kommen würde, rannte ich auf einen früheren Bus, der um diese Zeit nur halb so voll war, wie sein Nachfolger. Die Leute an der Bushaltestelle betrachteten mich, als wäre ich in Frieden von einem anderen Planeten gekommen. Ein junger Bauarbeiter pfiff mir sogar nach, was ich als Kompliment auffasste. Der Chauffeur begrüsste mich freundlich und ein Bankier überliess mir seinen hart ergatterten Platz. Ich setzte mich und schaltete meine Musik-App an. Jetzt brauchte ich dringend einen Mut machenden Song und entschied mir für „Sei ein Mann“ aus dem Disney-Film Mulan. Die Töne drangen tief in meine Ohren und ich konnte mich etwas entspannen. Die Fahrt zog sich endlos hin und als der Bus vor unserer Schule zum Stillstand kam, erwartete Natascha mich bereits mit einer Tüte voll Cupcakes. Auch sie trug elegante Kleidung und einen Federhut.

„Melody! Sieh mal einer an! Hast du heute noch etwas vor?“ sie zwinkerte mir zu und wir liefen gemeinsam zum Hörsaal. Einige Mädchen scharten sich bereits um Smith, sie gratulierten ihm und steckten ihm kleine Liebesbotschaften zu. Man musste es ihm lassen, er war ein richtiger Charmeur und liess seine Reize spielen. „Mist! Hast du eine Karte für ihn?“ fragte ich meine beste Freundin, doch sie schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht,“ hauchte sie in meine Richtung. Wir betraten das Schulzimmer. Brendan erwartete uns bereit. Mir entging nicht, wie er mich von oben bis unten mit seinen Blicken abcheckte. Er wirkte etwas nervös, als ich ihm die Hand reichte. Es war unsere erste Berührung und ein wohliges Ziehen schoss durch meinen Magen. Er hatte einen festen Händedruck. Mir fehlten die Worte. „Alles Gute zum Geburtstag, Professor,“ stotterte ich und rügte mich anschliessend selbst für diesen peinlichen Auftritt. Smith war gut gelaunt, etwas zu gut, meiner Meinung nach. Er unterhielt sich ausgelassen mit Studierenden, schnitt sich eine Scheibe Käse ab und schenkte sich noch ein Glas Sekt ein. Seine Wangen waren rot angelaufen und seine Sprache war auch nicht mehr so fehlerfrei. Alles in allem wirkte er auf mich, als habe er den grössten Kater seines Lebens. Als Schüler ihn auf die Prüfung ansprachen und Fragen an ihn richteten, konnte er kaum Auskunft erteilen, sondern sass vor seinem Ordner und blätterte ziellos in seinen Unterlagen herum. Schnell beschloss er das Thema der Vorlesung ganz zu verdrängen und knüllte stattdessen ein Blatt Papier zusammen. Ich las den Inhalt einiger Geburtstagskarten durch. Einige Mädchen unterschrieben mit zwei X, zwei Küssen. Was für Schleimer. Nach kurzer Zeit gesellte ich mich zu Natascha und einem anderen Mädchen, die gerade in ein Gespräch vertieft waren, als Smith mir plötzlich auf die Schulter tippte. „Wollen wir spielen?“ ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Ich blickte verwirrt in die Runde, akzeptierte dann aber seine Einladung. „Also, wer den Eimer trifft, gewinnt,“ er hickste und versuchte sein Glück, aber sein Papierknäuel traf ins Leere. Nun war Natascha dran, auch sie verfehlte den Eimer. Das dritte Mädchen im Bunde fand sich zu schade, um mitzuspielen, also reichte Smith mir den Knäuel. Ich zielte, holte aus und traf die Heizung. „Mist!“ rief ich aus, doch Smith legte seinen Arm um meine Schultern. „Kein Problem, Miss Collins. Versuchen Sie es doch nochmals,“ ich hatte das Gefühl, als müsste er sich auf mir stützen, so betrunken schien er. Wir spielten noch eine Weile, bis es Zeit wurde, in die nächste Stunde zu gehen. „War schön, dass Sie alle gekommen sind. Gute Nacht,“ er liess sich auf den Stuhl plumpsen und naschte von der Schokolade. Meinen Kuchen hatte er nicht einmal angerührt, was mich ein wenig enttäuschte. Ich entschied ihn gut einzupacken und meinen Dozenten darauf hinzuweisen. Bevor ich das Schulzimmer verliess, lief ich an ihm vorbei und er griff nach meiner Hand. Ich war eine der letzten Schülerinnen und somit hatten wir einen ungestörten Moment. „Danke, Miss Collins. Das war eine sehr schöne Feier,“ er lächelte mich an, doch die Hand liess er noch nicht los. Es fühlte sich gut ein. Wir verschränkten die Finger in einander und blickten uns eine Weile schweigend an. Mein Puls raste, es war falsch und doch genoss ich diesen Moment zwischen uns. „Bis bald,“ er lockerte den Griff, als er begriff, was er soeben gemacht hatte und wandte sich seinen Akten zu. „Bis morgen, Professor,“ ich schnappte meinen Rucksack und liess ihn alleine zurück.

To be continued…

 

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